Rückblick

Sofortige Heimreise 2.0

Das war wohl wieder nichts. Unser Ticker konnte um 13:27 resümieren: „Die Nazis sind losgefahren. Sie sind keinen Meter gelaufen, eher hundert Meter rückwärts.“ Bevor sie den Rückwärtsgang in den Hauptbahnhof einlegten, standen sie stundenlang auf der Betonbrache vor der Hauptpost – erst 25, später dann 94 Nazis.

Das den Nazis ihr Tag ordentlich versaut wurde, lag an der Resonanz der relativ kurzfristigen Mobilisierung des zivilgesellschaftlichen Bündnis „Halle gegen Rechts“ und der Antifaschistischen Gruppen Halle. Etwa 900 bürgerliche GegendemonstrantInnen und Antifas hatten mit einer Kundgebung am nördlichen Ende und zwei Straßenblockaden am südlichen Ende der Ernst-Kamieth-Straße die Nazis eingekesselt, im Gegensatz zum 1. Mai 2011 entschied sich die Polizeiführung dieses Mal gegen eine Prügelorgie zur Durchsetzung des Aufmarsches. „Weil noch der dümmste Nazi aufgrund der mit seiner Ideologie notwendig einhergehenden Gewaltbereitschaft eine unmittelbare Gefahr für jeden ist, der in sein ausgeprägtes Feindbild passt, ist es notwendig, ihm den öffentlichen Raum zu nehmen, ihm offensiv entgegenzutreten.“ So schrieben wir es in unserem Aufruf, und in diesem Sinne war der heutige Tag ein voller Erfolg. Nicht einstimmen können wir aber in die bürgerlichen Jubeltöne des Oberbürgermeisters und diverser Lokalpolitiker, wonach Halle „bewiesen“ habe, dass in „unserer Stadt“ „kein Zentimeter Platz für Nazis“ sei, oder wonach Halle „bunt und nicht braun“ sei. Denn nicht nur gab und gibt es Nazis in Halle, und sie haben so einige Zentimeter Platz. Zudem sind Rassismus und Antisemitismus wie auch Sozialdarwinismus und soziale Ausgrenzung ein gesamtgesellschaftliches Problem, und kein marginales Phänomen in den Köpfen „dieser Nazis“. Wenn Nazis in Halle laut werden, gilt es dementsprechend zwar, sie in die Schranken zu weisen. Die anderen 364 Tage im Jahr sind für grundlegende Gesellschaftskritik da.

Antifaschistische Gruppen Halle (06. Juli 2013)

Sehr lesenswert ist übrigens die Erklärung des “Bündnis Halle gegen Rechts”:

Aber es ist einfach Nazis zu problematisieren und zur gesellschaftlichen Dimension ihrer Überzeugungen zu schweigen. Je einfacher die Abgrenzung fällt, umso weniger wird über die Gemeinsamkeiten zwischen Nazis und Mehrheitsgesellschaft gesprochen.
Bei diesen Gemeinsamkeiten handelt es sich um die Ressentiments, die der organisierten rechten Szene als Begründung für ihr propagiertes Weltbild dienen. Es sind rassistische Ressentiments, wie das der angeblich „faulen Griechen“ oder der angeblich „überdurchschnittlich kriminellen muslimischen Jugendlichen“. Und es handelt sich um Ressentiments im antisemitischen Fahrwasser ohne dabei explizit Jüdinnen und Juden zu erwähnen. So ist die Rede von „gierigen Bänkern“, von „kulturlosen Amerikanern“ und „aggressiven Israelis“. Es handelt sich auch um sexistische, um homophobe, um sozialdarwinistische und weitere Ressentiments die zu Ausgrenzung, Gewalt und Mord führen.
Diese Ressentiments sind Teil einer Gesellschaft in der wir alle leben. Sie werden von vielen Menschen geteilt, nicht nur von selbst erklärten „Nationalen Aktivist_innen“. Während die einen losziehen um Menschen totzuschlagen, sympathisieren die Anderen öffentlich oder heimlich mit der Gewalt, lachen über menschenverachtende Witze, hetzen am sonntäglichen Kaffeetisch, erklären Menschen zu Dönern, machen Behördengänge zur Qual, führen Abschiebungen durch oder beseitigen das Recht auf Asyl. […]

 

Aufruf des Zusammenschlusses antifaschistischer Gruppen in Halle

Am 06. Juli 2013 wollen Neonazis aus der Region in Halle demonstrieren. Warum und weshalb spielt dabei genau genommen keine Rolle. Denn dass Nazis nicht durch die Gegend laufen sollten, ohne Probleme zu bekommen, hat nichts mit ihren meist an den Haaren herbeigezogenen Themen zu tun. Es ist vielmehr ihre nationalsozialistische Ideologie, die nicht unwidersprochen bleiben soll. Und weil noch der dümmste Nazi aufgrund der mit dieser Ideologie notwendig einhergehenden Gewaltbereitschaft eine unmittelbare Gefahr für jeden ist, der in sein ausgeprägtes Feindbild passt, ist es notwendig, ihm den öffentlichen Raum zu nehmen, ihm offensiv entgegenzutreten.

Zuletzt wollten Nazis am 01. Mai 2011 in Halle „den Volkszorn auf die Straße tragen“. Damals scheiterten sie glorreich, und beschritten aufgrund mehrerer entschlossener Blockaden tausender Gegendemonstranten und zahlreicher direkter Aktionen hunderter Antifas einen nur sehr kurzen Leidensweg rund um den Riebeckplatz. Auch am 06. Juli 2013 wollen sie sich wieder am halleschen Hauptbahnhof zusammenrotten – offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes unbelehrbar. Doch ob lernresistent oder nicht, es gilt, den Nazis auch dieses Mal wieder eine ordentliche Lektion zu erteilen.

Ein Naziaufmarsch hat dabei sogar einiges mit der sogenannten Jahrtausendflut gemein. Beim Hochwasser sollte man als halbwegs vernünftiger Mensch nämlich nicht aus irgendeinem Patriotismus für „unser Land“ oder „unsere bedrohte Stadt“ als „ein Volk“ aktiv werden, sondern schlicht, weil es menschlich und richtig ist, einzelnen Menschen zu helfen, wenn sie Not leiden. Auch gegen einen Naziaufmarsch sollte man nicht deshalb protestieren, weil Halle so zeigen kann, dass es „bunt statt braun“ ist, oder weil Nazis in „unserer Stadt“ oder gar „unserem Land“ nichts zu suchen hätten. Auf die Straße gehen sollte man einfach, um die aggressiven Schläger und Hetzer daran zu hindern, andere Menschen einzuschüchtern oder anzugreifen. Gegen Nazis vorzugehen ist so notwendig, wie Blumengießen und alten Omas über die Straße helfen, und kein Grund, sich darauf etwas einzubilden oder zu glauben, man hätte damit irgendetwas verändert. Denn Halle ist nicht bunt. Nazis gehören zu Deutschland, wie die Schmeißfliege zum Scheißhaufen. Und es ist eigentlich unmöglich, Rassismus, Sozialdarwinismus und Antisemitismus zu kritisieren, ohne über die kapitalistischen Verhältnisse zu sprechen, und Nazis zu bekämpfen, ohne sich Gedanken über die deutschen Zustände zu machen.

Im Juni 2009, als die Nazis schon einmal nach knapp 1000 Metern entnervt umdrehen mussten, und im Mai 2011, als sie einen etwa gleichlangen Spießrutenlauf absolvierten, haben wir im Vorfeld festgestellt: Man muss den Nazis einfach ihre Auftritte versauen, um sich danach wieder ungestört der Kritik der Verhältnisse widmen oder einfach nur in Ruhe in die Kneipe gehen zu können. Daran hat sich nichts geändert, weshalb es am 06. Juli 2013 um 12 Uhr heißen muss: Halle/Saale Hauptbahnhof, Endstation! Eine „gute Heimreise“ wünschen kann schließlich nicht nur die NPD.

Antifaschistische Gruppen Halle (Juni 2013)

 

01. Mai 2011 – Day of Desaster

 

 

 

 

 

 

Rückblick auf https://nonazis.wordpress.com/

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